Neue Formation, altes System

Zum Auftakt der neuen Bundesligasaison empfing Hertha BSC den aufgestiegenen 1. FC Nürnberg. Die Franken hatten sich ihren Weg in die erste Liga – entgegen dem Zweitligaklischee – vor allem über ein gutes Ballbesitzspiel gebahnt und wollen diesen anscheinend auf gleiche Weise im Oberhaus fortsetzen.

Hertha setzte auf dasselbe Personal wie im Pokalspiel gegen Braunschweig und behielt folglich auch die Fünferkettenformation bei. Von Beginn an überließ Hertha lieber dem Club den Ball und baute sich ein paar Meter vor der Mittellinie in einer 5-2-3-artigen Formation auf, bei der sich die Wingbacks zwischen den beiden gegnerischen Außenspielern orientierten und somit etwas höher als die drei Innenverteidiger positioniert waren.

Grundformationen.

Ganz vorne hielt Ibisevic seine Position als zentrale Spitze, während Kalou, häufiger noch Mittelstädt, zu nach innen lenkenden Läufen auf die Innenverteidiger ansetzte. Dahinter mussten Arne Maier und Ondrej Duda alleine die drei zentralen Mittelfeldspieler des Clubs aufteilen und wechselten zwischen einer Positionierung im Raum und Mannorientierungen gegen die Achter bzw. Petrak. Diese Aufteilung erwies sich jedoch als nicht optimal: Petrak konnte sich durch relativ tiefe Positionierungen immer wieder den Aktionsradien der Berliner Achter entziehen und neben oder hinter dem wenig umsichtigen Ibisevic an den Ball kommen. Bei Mannorientierungen gegen ihn war oftmals ein Nürnberger Achter anspielbar und musste von einem der Innenverteidiger gestellt werden.

Das intelligente weite Herausrücken war enorm wichtig für die Gesamtstabilität. Torunarigha und Stark hatten ein extrem gutes Timing und konnten durch ihre Schnelligkeit oft schon die Annahme in den freien Raum blockieren und im Falle von Torunarigha sogar sehr oft den Ball gewinnen. Er zeigte sich noch aggressiver als Stark und konnte sich dafür fast mit einem Ballgewinn einschließlich Vorlage belohnen, Mittelstädt konnte dieses gute Zuspiel aber nicht ebenso gut verwerten.

Grundsätzlich konnte der Club den Ball zunächst sehr geduldig zwischen den Innenverteidigern laufen lassen. Die Außenverteidiger hielten beide recht engen Kontakt, wobei Bauer sich noch tiefer postionierte und Leibold auch in höheren Zonen einrückte. Die Achter, besonders Behrens, schoben etwas weiter nach vorne und überluden zusammen mit den Außenstürmern den Zwischenlinienraum.

In den ersten Minuten zeichnete sich ein leichter Rechtsfokus in Nürnbergs Spiel ab. Da Mittelstädt aber schnell begann, aktiver anzulaufen, als sein Pendant Kalou, wurde Margreitter häufiger zu Pässen auf Mühl gedrängt und somit das gesamte Nürnberger Spiel auf die linke Seite gelenkt.

Dort konnte Mühl deutlich freier andribbeln als Margreitter, weil Kalou ihn weniger ausdauernd anlief. Aus den höheren Positionen zielte Mühl dann immer wieder auf Zuspiele neben die Berliner Doppelacht, wo sich mal Kubo, mal Behrens zeigte. Auch auf halbrechts waren zurückfallende Bewegungen von Salli sehr prägend und sollten als Ausgangspunkt für Kombinationen durch den Zwischenlinienraum dienen. Um diese durch den rechten Halbraum zu initiieren, lief das Spiel vorher oft noch über Petrak, der sich um Ibisevic herum bewegte und auch von Fuchs in tieferen Zonen unterstützt wurde. Fiel Fuchs zurück, nahm Behrens das als Anlass, um sich noch zentraler zu positionieren und sich wie ein Zehner zu bewegen.

Nürnberg tat sich jedoch schwer damit, seine Offensiven in vielversprechende Aktionen zu bringen. Das lag zum einen an den bereits erwähnten und klasse getimten Herausrückbewegungen der Dreierkette, Rekik tat das jedoch fast ausschließlich gegen Ishak bei hohen Bällen. Zum anderen war für den hoch ambitionierten Kombinationsansatz noch bessere Abstimmung nötig. Hochambitionierter Kombinationsansatz? Wenn der Club Herthas Mittelfeld zu überspielen versuchte, bewegten sich fast immer alle fünf dortigen Spieler in den beiden Halbräumen und dem Zentrum, die erste Aktion hinter dem Mittelfeld wurde meist vom Halbraum ins Zentrum gezielt. Um zwischen den Linien kombinieren und anschließend tatsächlich durchbrechen zu können, fehlten aber noch einige raumschaffende bzw. bedrohliche Läufe, die Abwehrspieler wegzogen. Für die fehlenden Nachrückbewegungen aus der Tiefe sorgten zwar situativ die Außenverteidiger, deren tiefe Ausgangsposition die Effektivität allerdings oft einschränkte.

So kam es, dass Nürnberg ein ums andere Mal in der Berliner Fünferkette hängen blieb und kaum Gefahr aufbauen konnte. Gleichzeitig ließen sie aber auch keine Konter zu, da sie Hertha meistens so sehr zurückdrängen konnten, dass die alte Dame aus einer tiefen 5-4-1-Staffelung nicht schnell genug umschalten konnte. Durch die massive zentrale Präsenz wurde dieser Effekt nochmal verstärkt, da sich nach Ballverlusten gleich einige Nürnberger zum Nachsetzen anschickten. Bei Hertha rächte sich auch die sehr sicherheitsfokussierte Spielweise von Mittelstädt, dessen unkreative Art als Linksaußen einem Konter wenig Auftrieb verleiht.

Alles lief also auf die Berliner Aufbaumomente hinaus. An dieser Stelle deswegen nochmal ein paar Worte zur Formationsänderung: Kurz gesagt, ist diese an sich ja nett, bringt ohne Änderungen in der Spielweise aber herzlich wenig. Herthas Grundstabilität ist defensiv weiterhin gegeben, in der Endverteidigung wahrscheinlich sogar potenziell höher, offensiv wird man dadurch alleine aber nicht besser. Tatsächlich hob sich die Struktur mit den recht hohen Wingbacks, engen Flügelstürmern und der Doppelacht vor der Abwehr sogar noch weniger von den „normalen“ Strukturen ab, als die 4-1-4-1-Spiele in den letzten Jahren. Viel wichtiger sind außerdem die Spielprinzipien: Wenn weiterhin der erste Ball auf den Flügel gespielt wird, ohne dass man wieder ins Zentrum gelangen will, ist das Ding mit dem Ballbesitz halt schwierig.

Herthas Doppelacht hatte auch so seine Schwierigkeiten, mehr als nur eine Durchlaufstation zu sein. Vor allem Maier fehlt es an Umblickverhalten, um Spieler in seinem Rücken wahrnehmen zu können. Folgerichtig tappte er in der ersten Hälfte in eine Nürnberger Pressingfalle und vermied später das Risiko, sich mit recht eng verteidigenden Gegenspielern zum gegnerischen Tor zu drehen. Duda war ihm in dieser Hinsicht voraus und streute auch mal (Chip-)Pässe hinter das gegnerische Mittelfeld ein, was durchaus vielversprechend erschien. Insgesamt wurden beide vom Nürnberger 4-1-2-3/4-5-1-Pressing zu einer sehr horizontalen Spielweise gezwungen, die aber auch das 1:0 einleitete.

Zu Beginn des Spiels wagte der Club immer wieder ein hohes Angriffspressing, das sie im besagten 4-1-2-3 organisierten. Die Achter orientierten sich dabei zuerst an der Schnittstelle aus Mittel- und Außenstürmer vor ihnen, bevor sie Zugriff auf Maier und Duda suchten. Petrak sicherte hinter ihnen ab und orientierte sich manchmal an Kalou, der sich oftmals tiefer bewegte als Mittelstädt.

Ganz vorne starteten Kubo und Salli in den äußeren Halbräumen und lenkten das Spiel leicht in die Mitte – Hertha konnte die meisten Drucksituationen aber umgehen. Oft war es entweder ein hoher Ball von Stark auf Ibisevic, der unter Druck aber sehr schwer zu kontrollieren war, oder Rekik konnte einen der Wingbacks finden, die neben den Nürnberger Achtern oft frei waren. Anschließend verhinderten Vertikalläufe von nahe positionierten Spielern das Herausrücken von Leibold bzw. Bauer, sodass Lazaro und Plattenhardt jeweils etwas Zeit für die Ballannahme hatten.

Auf rechts startete oft einer aus Kalou und Maier, die diagonal von innen nach außen hinter den Außenverteidiger zogen und diesen dadurch banden. Da Ibisevic und Mittelstädt aber beide meist sehr hohe Positionen an der letzten Linie einnahmen, erhielt Lazaro wenig Unterstützung und konnte keine Anspielstationen in der Mitte finden. So musste er entweder zurückspielen oder den leicht zu verteidigenden Angriff der Linie entlang wählen.

Noch harmloser waren da nur die Angriffe über links, wo Mittelstädt oft schlicht das Ziel verfolgte, Plattenhardt den Ball zurückzuspielen. Dass das weder schön, noch effektiv, noch besonders gut ist, kann man sich denken. Duda zügelte sich in diesen Momenten etwas und schreckte vor Vertikalläufen zurück. Teilweise wurde er noch von Maier unterstützt, der sich nach links bewegte, aber keine wirklich gute Anspielstation gab, sondern eher umliegende Räume blockierte. Immerhin zog er so etwas Raum für Lazaro frei, dem wiederum ein Mitspieler fehlte.

In der Entstehung des Siegtreffers spielte Hertha über Maier von links zu Stark, der Kalou im offensiven Zwischenlinienraum fand, welcher wiederum Lazaro einsetzen konnte. Der Österreicher konnte hier das erste Mal relativ isoliert das Duell mit Leibold suchen, während vorher oft noch jemand aus dem Mittelfeld gegen ihn doppelte.

Zu diesem Zeitpunkt hatte sich Nürnberg auch schon zurückgezogen und erwartete Hertha in einem 4-5-1-Mittelfeldpressing, das noch etwas wildere Mannorientierungen im Zentrum zu bieten hatte und Hertha so mehr Kontrolle überließ. Apropos Kontrolle: Bei aller Kritik am Berliner Ansatz sei gesagt, dass durch die hohe Anzahl an Spielern hinter dem Ball und das recht simple Spiel über die Flügel nach sicherer, tiefer Zirkulation einmal mehr kaum Gegenangriffe zugelassen wurden. Dabei hatte Nürnberg eigentlich das spielerische Potenzial hierfür und konnte sich nach Ballgewinnen immer wieder gut lösen. Die Franken ließen im hohen Ballbesitzspiel jedoch attackierende Läufe vermissen und vermieden ebenfalls das große Risiko. Bei langen Bällen aus der Abwehr konnte Ibisevic zwar den ein oder anderen festmachen, das Spiel allerdings nicht direkt fortsetzen und musste stattdessen den Weg nach hinten suchen.

Erst in der letzten halben Stunde begann Nürnberg wirklich ins Risiko zu gehen. Das etwas höhere Pressing vermochte die alte Dame jedoch gut zu umspielen und griff im Zweifelsfall zu einem risikolosen langen Ball. Nürnberg tat sich weiter schwer und konnte -abgesehen von Einzelaktionen der Außenstürmer – keine Gefahr erzeugen. Da sich die Blau-Weißen immer weiter zurückfallen ließen, wurde auch der Raum hinter der Abwehr kleiner und Nürnberg fehlte dieser nun, in dem sie vorher noch Dynamik aufbauen konnten. Die Wechsel waren auf beiden Seiten weitestgehend positionsorientiert und sorgten so für keine systematischen Änderungen, wodurch die Hertha, abgesehen vom Elfmeter, einen ziemlich ungefährdeten Heimsieg ein.

Fazit: Nürnberg setzt seinen mutigen und interessanten Ansatz fort, Hertha stellt im Aufbau mit der Vermeidung der zentralen Räume und dem vielen longline-Spiel einen starken und langweiligen Kontrast dar, kann aber durch die Stabilität und einige starke individuelle Leistungen (insbesondere die von Torunarigha und Stark) doch gewinnen. Auch die Formationsänderung ist wie erwartet kein Allheilsbringer, wenngleich einige Effekte vielversprechend sind.

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