Spielerporträt: Arne Maier

Bevor wir uns dem größten Talent des Berliner 99er-Jahrgangs widmen, können wir bereits einige Parallelen zwischen den bisher porträtierten Spielern festhalten: Alle vorgestellten Jungs haben eine gewisse Vertikalität in ihrem Spiel und sind gegen den Ball mindestens fleißig, größtenteils sogar sehr intelligent.

Auch auf Arne Maier lassen sich diese Elemente übertragen. Wenn sein Team in Ballbesitz ist, versucht er das Spiel entweder antreibend zu eröffnen, oder in entstandene Freiräume nachzurücken. Insgesamt kann man ihn als sehr guten Allrounder beschreiben. Aber nochmal von vorne.

In seinen bisherigen Einsätzen bei den Profis wurde Maier vornehmlich als offensiver Part der Doppelsechs aufgeboten, in der Jugend pendelte er zwischen Sechs und Zehn. Unter Pal Dardai bedeutet der offensive Part der Doppelsechs oft eine isolierte Positionierung vor einer Dreierkette, die aus den beiden Innenverteidigern und dem abgekippten, nominell tieferen Part der Doppelsechs besteht. So ergeben sich viele 3-1-Staffelungen, die die Außenverteidiger nicht berücksichtigen. Wichtig ist dabei für den Spieler vor der Abwehr, zu erkennen, wann er aus dem ballschiebenden Rhythmus, der als Vorbereitung für Flügelangriffe eingeschlagen wird, ausbrechen kann. Maier hat hierbei noch etwas mehr Probleme mit der Orientierung und erkennt Optionen und Räume hinter ihm nicht konstant, ist aber eine mehr als solide Durchlaufstation.

Das ändert sich schlagartig, wenn Arne Maier aufdrehen kann und das Spiel vor sich hat. Unter Druck wird er dann sehr schwer zu pressen, kann sich immer wieder durch kleinräumige Dribblings oder kurze Ablagen befreien. Er schreckt aber auch vor weiträumigen Aktionen nicht zurück, seien es Verlagerungen oder Dribblings. Man kann ihn also getrost als pressingresistent bezeichnen.

Aus seiner Fähigkeitenpalette stechen seine Dribblings besonders hervor: Sobald sich dem 19-jährigen im weiterem Umfeld größere Räume eröffnen, ist er hervorragend darin, diese anzudribbeln. Durch einen sehr guten Antritt erreicht er auch mit Ball schnell hohe Geschwindigkeiten und kann Gegenspieler auf Distanz halten. Sein Ziel ist dabei vor allem der offene Raum und der Zug nach vorne, der tororientierteste Dribbler ist Maier hingegen nicht. So spielt er auch trotz seines großen Zugs nach vorne teilweise zu früh Freiräume an, die Mitspielern weniger Druck versprechen, jedoch weiter vom Tor entfernt sind.

Obwohl er nicht immer tororientiert genug unterwegs ist, kann er eine hohe Durchschlagskraft entwickeln, da er selbst unter großem körperlichen Druck nicht unpräzise wird. Schließlich kann er auch selber den Angriff abschließen, da auch seine Schusstechnik unter Druck nicht leidet. Auch aus etwas größeren Distanzen ist er potenziell gefährlich.

Wie beschrieben kann Maier sehr schnell eine hohe Geschwindigkeit erreichen. Um dieses Tempo zu halten, versucht er Gegnern eher davon zu dribbeln und löst in hohem Tempo nicht allzu viele eins gegen eins Duelle. Lieber greift er dann zu einem Abspiel. Hier streut er auch immer wieder Doppelpässe ein, die kurz den Fokus von ihm nehmen und bei erfolgreicher Ausführung neuen Raum versprechen.

Vor allem im Jugendbereich war Maier auch in der Lage, aus dem Stand in offene Räume hinter seinen Gegenspielern zu starten. Durch kleine Finten ist er dazu fähig seine Gegenspieler zu verladen und sich im Laufduell einen Vorsprung zu verschaffen, den er durch sein Tempo kaum verlieren kann. Beim Mercedes-Benz Junior Cup drosselte Maier oftmals sogar bewusst das Tempo in direkten Duellen (die in der Halle natürlich noch klarer entstehen als auf dem Großfeld), um dann mit seinem Geschwindigkeitsvorteil zum Tor ziehen zu können.

Ebenfalls zu beobachten war bei dem Turnier, dass der Allrounder ein sehr gutes Verständnis für Freiräume hat, die er durch seine Dribblings selber öffnet: Um ihn zu stoppen, müssen Gegenspieler immer wieder ihre Position verlassen. Die dahinter entstehenden Freiräume bzw. frei werdenden Mitspieler kann er dann sehr gut einbinden, da er aus einem immens großen technischen Repertoire schöpfen kann. Das ist sogar unabhängig davon, in welcher Spielfeldhöhe er dribbelt.

So ist ihm Palko Dardai bei Dribblings im Zwischenlinienraum mit anschließendem Schnittstellenpass wohl voraus, Maiers Aktionen besitzen aber auch hier ein hohes Niveau.

Treuen Lesern wird es wahrscheinlich schon in den Sinn gekommen sein: Maier ist in Umschaltsituationen extrem wertvoll. In solchen Situationen entstehen Freiräume en masse, die Arne Maier hervorragend andribbeln kann. Seine Entscheidungsfindung ist zwar auch hier noch nicht perfekt, aber durch seine riesigen technischen Fähigkeiten kann er auch diese Szenen hochklassig ausspielen. Auffällig ist, wie sehr Maier seinen rechten Fuß nutzt, was durch die gute Außenristnutzung jedoch kaum ins Gewicht fällt.

Sein riesiges technisch/spielerisches Potenzial wird im Detail aber noch von einigen Unzulänglichkeiten überschattet. Sein Umblickverhalten ist noch nicht ausreichend genug, um in den allermeisten Fällen eine erfolgreiche Lösung zu gewährleisten. Einige der etwas abfallenden Szenen könnten aber auch jugendlicher Nervosität geschuldet sein, da die mechanische Umblickbewegung manchmal bessere Lösungen zulassen sollte – Bedeutet: Er sollte die bessere Option sehen, entscheidet sich aber aus irgendeinem Grund (vielleicht guckt er hin, nimmt sie aber nicht wahr) dagegen.

Maiers einzige Torbeteiligung in der abgelaufenen Saison: Stark dribbelt an, zieht einen Hamburger heraus, findet Darida im dahinter entstehenden Freiraum, der in den Lauf von Maier klatschen lässt. Da der Youngster direkt eine nach vorne gerichtete Körperhaltung einnehmen kann(offenes Dreieck), kann er durch den Kanal zwischen den Hamburger Verteidigern durchstoßen und Kalou das 2:1 vorlegen. Guckst du hier.

Auch auf der strategischen Ebene hat der Juniorennationalspieler noch Verbesserungspotenzial: Maier kreiert durch seine Aktionen wenig selbst (damit sei gemeint, dass er wenig entgegen der allgemeinen Spieldynamik unternimmt, also viel in seinem Blickfeld bleibt), kann bereits vorhandene Dynamiken aber hervorragend einbinden. Jedoch bekommt er so Probleme, wenn der Angriff auf eine Sackgasse zusteuert. Daher rührt wohl auch die stellenweise fehlende Tororientierung: Er guckt tendenziell einfach nach vorne und richtet seine Aktion dorthin aus. Seine Entscheidungsfindung mag strategisch nicht immer ganz korrekt sein, aber das kann er durch technische Klasse weitestgehend wettmachen.

Seine Ballannahmen im hohen Zwischenlinienraum sind noch ähnlich wechselhaft: Bei einem nach vorne ausgerichteten Blickfeld kann Maier im Alleingang durchbrechen, sonst dribbelt er kipritesk aus der Drucksituation in den nächsten Freiraum oder lässt einfach klatschen.

Diese leichte Wechselhaftigkeit spiegelt sich auch in seinem Passspiel wider: Maier kann punktgenaue Verlagerungen ebenso schlagen wie er anspruchsvolle One-Touch-Pässe spielt. Auch hier ist er mit Blickrichtung gegnerisches Tor potenziell überragend, gerät aber beispielsweise nach Ballgewinnen in der eigenen Hälfte auch mal in Verlegenheit, wenn er nicht direkt aufdrehen kann. Er kann solche Situationen aber in jedem Fall noch so auflösen, dass sie nicht stabilitätsgefährdend werden. Im Zweifel greift er zum langen Ball.

Die antreibende Ader des Youngsters zieht sich bis in sein Spiel ohne Ball. Er startet immer wieder vertikale Läufe aus der Tiefe, vor allem in Freiräume um das gegnerische Mittelfeld herum (auch dahinter). Hierbei unterscheiden sich seine Antritte von den Läufen von Julius Kade insofern, als dass unser Liebling Kade sich noch mehr auf Engen einlässt und auf Durchbrüche aus ist, während Maier eine Anspielstation bieten und anschließend weiter antreiben will. Hierfür zieht es ihn in größere Räume, weiter von der Abwehr entfernt. Folglich würde er durch die gegnerische Abwehr dribbeln oder passen, während Kade eher geschickt werden bzw. einen Durchbruch mit wenigen Kontakten vorziehen würde.

Der genaue Zeitpunkt für die nachstoßenden Läufe ist überwiegend gut gewählt. Da Maiers Läufe grundsätzlich in tieferen Zonen stattfinden, ist natürlich auch seine Anfangsposition recht tief.

Ein interessanter Aspekt seines Spiels ist, dass er gerne mal seinen eigenen Pässen energisch hinterherläuft. Hier ist er wieder auf sein eigenes Blickfeld fokussiert, während er der vorliegenden Struktur Schaden zufügen kann. Verantwortungsbewusst.

Um sich wirklich das Prädikat Allrounder zu verdienen, muss es sich bei Maier natürlich auch defensiv um einen mindestens soliden Akteur handeln. Tatsächlich verhält sich Maier hier oft etwas zurückhaltender und nimmt in Doppelsechsstaffelungen gerne eine leicht tiefere Position als sein Partner ein. Passend dazu hat er aber ein sehr gutes Gespür dafür, wann er seine Position verlassen und Druck machen muss. So erkennt er schlechte Ballannahmen oder Körperhaltungen schon sehr früh und kann mit seiner hohen Schnelligkeit unmittelbar Druck ausüben.

Seine hohe Erfolgsstabilität beim Attackieren des Gegners erinnert an Skjelbred, der sich jedoch noch ein bisschen besser „festbeißen“ kann. Voraussetzung ist hierbei, dass der Rechtsfuß eine etwas geduckte und hochflexible Körperhaltung einnimmt, die sich frontal am Gegner orientiert und es ihm erlaubt, Aktionen in alle Richtungen schnell zu erreichen. Seine sehr guten körperlichen Anlagen befähigen ihn auch dazu, seinen Gegner wegzudrücken und unabhängig vom Erfolg des Zugriffs ein sehr ekliger Gegenspieler zu sein.

Ausblick: Bevor wir in die Zukunft gucken, vielleicht noch ein Blick zurück: Vor fünfzehn Jahren wäre aus Maier vermutlich ein klassischer Zehner geworden. Damals war die defensive Kompaktheit bei weitem nicht auf dem Niveau von heute, sodass Maier auch in höheren Räumen den nötigen Platz für seine Aktionen gehabt hätte. Seine Klasse in statischen Eins gegen Eins Situationen käme ihm ebenso zu Gute.

Nun schreiben wir aber das Jahr 2018 und Arne Maier ist nach Kai Havertz und Michaël Cuisance der am häufigsten eingesetzte Profi aus dem Jahrgang 1999. So kann es sein, dass diese Analyse an manchen Stelle etwas kritisch klingt, allerdings geht es hier um einen 18/19-Jährigen, der vielleicht einfach nur noch ein, zwei Jahre braucht, bis er sein Spiel komplett dem höheren Niveau angepasst hat.

So wird er seine Paraderolle wohl als Achter finden, seine Spielweise erinnert ein wenig an einen dynamischeren Ivan Rakitic mit schlechtem Umblickverhalten.

Abschließend noch folgendes: An Maier entscheidet sich unserer Meinung nach auch das Vermächtnis von Pal Dardai. Er hat das Glück, diesen unglaublich talentierten 99er-Jahrgang als Trainer gestalten zu dürfen, und muss sich daran messen lassen, wie weit er die Jungs voranbringen kann – Allen voran Arne Maier.

 

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