Der Wahnsinn von Wolfsburg

Wer hatte es nicht vor der Saison prognostiziert, das Spitzenspiel des zweiten Spieltags lautete Wolfsburg gegen Hertha BSC. Beide Teams hatten mit ähnlichen formativen Ausrichtungen Achtungserfolge eingefahren und standen sich nun also im direkten Duell gegenüber.

Wie schon in den ersten beiden Saisonspielen trat Wolfsburg auch diesmal aus seinem 4-1-4-1 mit einer recht klaren Struktur im Ballbesitz und einer geduldigen, tiefen Zirkulation auf. Die beiden Achter, Arnold und Gerhardt, schoben weit nach vorne, während Camacho auch das ein oder andere Mal abkippte. Einerseits erzeugte Wolfsburg so viel hohe Präsenz, andererseits gab es oft ein Loch zwischen dem hohen Mittelfeld und den Innenverteidigern sowie Camacho.

Grundformationen.

Hertha presste den Wolfsburger Spielaufbau wie schon gegen Schalke auch aus einer 4-1-4-1-Grundordnung heraus. Diesmal entwickelten sich daraus viele 4-3-(breite)2-1- und 4-5-1-Staffelungen mit Ibisevic vorne allein auf weiter Flur, da Grujic und Duda sich eher an den Wolfsburger Achtern orientierten und dementsprechend weit nach hinten gedrückt wurden. Dilrosun und Kalou wiederum machten ihre Positionierung von der Höhe der grün-weißen Außenverteidiger abhängig und wurden folglich oft von Ibisevic getrennt.

Der bosnische Sturmroutinier sah sich so einer 3 zu 1 Unterzahl ausgesetzt, die umso schwieriger zu verteidigen ist, wenn Ignacio Camacho an der Überzahl beteiligt ist. Der Spanier ist ein klassischer Vertreter der Fraktion Ankersechser, hält also sehr gut seine Position, kann sich hinter der ersten gegnerischen Linie anspielbar machen und sofort aufdrehen und ist in der Lage, den Rhythmus des Spiels vorzugeben. Da auch John-Anthony Brooks und Robin Knoche solide Aufbauspieler sind, hatten die Niedersachsen keine Probleme, den Ball in den eigenen Reihen zu halten. Erst wenn einer von beiden andribbelte, schoben situativ der Achter oder der Flügelspieler aus dem Mittelfeld nach vorne. Deutlich schwieriger wurde für Wolfsburg aber der weitere Ballvortrag:

Das oft im Sechserraum entstandene Loch führte zwangsläufig dazu, dass Wolfsburg Angriffe durch das Zentrum und die Halbräume nur schwer aus der Mitte initiieren konnte. Darum wurde auch entweder der eher lineare Weg den Flügel entlang gesucht, oder es mussten mit einem Zuspiel mehrere Reihen überspielt werden. Ersteres geschah besonders über links. Brekalo und Roussillon zogen oft ihre beiden Gegenspieler auf sich, wodurch einer der Achter den Raum hinter Lazaro anvisieren konnte. Durch diesen relativ simplen Spielzug gelangen die Wölfe ziemlich konstant in den Raum hinter dem Außenverteidiger und suchten anschließend Weghorst mit einer Flanke. Später ließ sich häufiger ein Achter in den Raum von Roussillon fallen, während dieser eine Position im linken offensiven Halbraum einnahm. Weiterhin fokussierten sie sich dabei auf Durchbrüche entlang der Seitenlinie.

Auf rechts waren William und Steffen weniger vertikal aktiv, beschränkten sich erstmal auf die Ballsicherung und wurden eher in den späteren Phasen von Angriffen gesucht. Der Brasilianer fiel außerdem häufig durch einrückende Bewegungen auf, wobei er nicht wie Roussillon mit dem Achter die Position tauschte, sondern einfach Steffen die ganze Außenbahn überließ, weshalb der in diesen Szenen tiefer positioniert war.

Hertha versuchte, bei diesen Rochaden nicht zu sehr aus der Grundordnung gezogen zu werden. So konnten nicht  alle Flügeldurchbrüche verhindert werden und die Gastgeber hatten die volle Kontrolle, allzu viel Gefahr für Jarstein war aber nicht vorhanden.

Etwas gefährlicher erschienen dagegen diagonale Verlagerungen von Knoche oder Camacho auf Roussillon oder Brekalo. Dabei zielten sie in den Raum hinter Kalou, der sich weniger am Außenverteidiger orientierte als Dilrosun und so einige Flügelüberladungen zuließ. Dem gingen oft raumziehende Läufe von einem Achter voraus, der durch einen Sprint hinter die Abwehr die Aufmerksamkeit vom außen positionierten Wolfsburger nahm, was diesem Raum und Zeit für vielversprechende Aktionen gab, wenngleich auch hier keine große Gefahr entstand. Alternativ bewegte sich Brekalo einfach in die Mitte, während Roussillon im Rücken von Kalou in den offenen Raum nachstieß.

Auch solche Verlagerungen wurden aber eher als Element zur Ballsicherung genutzt, da der erste Ball schwer zu kontrollieren war und deswegen oft nach hinten abgelegt wurde. Auf diese Weise drückten die Wölfe Hertha nach hinten, mehr aber auch nicht. Ungenutztes Potenzial lag in der besseren Einbindung von Camacho, der hinter Ibisevic oft Raum  für den Spielaufbau gehabt hätte, während sich Brooks und Knoche lieber für eine lange Spielauslösung entschieden. Bei weniger gut vorbereiteten Angriffen visierten sie dafür Weghorst als Zielspieler an, der sich vorher oft auf die rechte Berliner Außenbahn absetzte und so Kopfballduelle mit Lazaro erzwang.

Hier eine Szene aus der ersten Halbzeit, in der Knoche eine Verlagerung in den von Brekalo geöffneten Raum hinter Kalou schlägt.

Obwohl Camacho nicht perfekt eingebunden war, wurde seine Positionsfindung noch enorm wichtig, nämlich sobald Hertha den Ball gewann. Was den Wolfsburgern ein Hindernis war, stellte sich nun auch den Gästen als Problem in den Weg: Das Loch zwischen dem Berliner Mittelfeld und Ibisevic bzw. zwischen dem Wolfsburger Mittelfeld und der Hintermannschaft. Durch die Mannorientierungen der Berliner Achter auf ihre gegnerischen Pendants waren Duda und Grujic ihrerseits bei Ballgewinnen schnell eng gedeckt, außerdem ist es nicht leicht am vorstoßenden Camacho vorbeizukommen, während dieser noch gut von den Außenverteidigern unterstützt wird.

Hier erwies sich auch die Rollenverteilung im Berliner Mittelfeld als problematisch. Arne Maier als nomineller Sechser zieht es in Umschaltmomenten direkt nach vorne, was er als tiefster Akteur nicht immer zeigen kann, während Grujic und Duda dieser Zug nach vorne fehlt. Da außerdem keiner der drei strategisch so beschlagen wie beispielsweise Camacho ist, ja, wir mögen ihn, ging Hertha eine klare Marschroute nach vorne verloren.

Wollten die Berliner also Gefahr erzeugen, mussten sie das über einen guten Spielaufbau tun. Wie schon auf Schalke versuchte sich Hertha an einem Aufbau aus einer 4-1-4-1-artigen Struktur, hatte aber große Probleme mit der mannorientierten Herangehensweise der Hausherren. Die wenig passenden Bewegungen von Grujic und Duda verstärkten den Druck auf die Berliner Hintermannschaft noch. Die Wölfe schob schon früh die zentralen Berliner Akteure zu und pressten mit den Außenstürmern häufig auf die Innenverteidiger durch, was Stark und Torunarigha zu vielen Rückpässen zwang.

Dabei hätte die alte Dame sehr große Räume vorfinden können, wenn das gegnerische Mittelfeld kontrolliert überspielt worden wäre. Die Viererkette schob nämlich nicht konsequent nach und verfolgte zurückfallende Bewegungen in den Zwischenlinienraum auch nur selten mannorientiert. So hätten Dilrosun, Kalou und Ibisevic viel Platz vor der Abwehr vorfinden können, was nach einer Umstellung in der Halbzeit auch tatsächlich gelang.

Das Berliner Trainerteam stellte relativ simpel auf das normale 4-2-3-1/4-4-2-System um, das Hertha in den letzten Jahren so spektakulär praktizierte. Dies hatte viele positive Effekte, der wichtigste war wohl die Spiegelung der gegnerischen Formation. Wer Thomas Tuchels Rulebreaker-Vortrag über seine Anfangszeit in Mainz noch nicht gesehen, sollte das am besten nachholen. Darin erzählt er, wie das gegnerische Aufbauspiel lahmlegte, indem die Mittelfeldformation des Gegners spiegelte, sprich wenn der Gegner wie Wolfsburg in einem 1-2 formiert war, setzte er auf 2-1. Ähnlich war es jetzt bei Hertha, wo Duda sich an die Fersen von Camacho heftete. Dadurch war der wichtigste Wolfsburger Akteur weitestgehend neutralisiert und Ibisevic musste sich nicht mehr auf die Kontrolle des Raums hinter ihm konzentrieren, sondern konnte vermehrt Brooks und Knoche anlaufen. Gleichzeitig konnten die beiden Flügelspieler deutlich aktiver agieren und auch die Innenverteidiger anlaufen, sodass das Berliner Pressing im zweiten Durchgang dem Wolfsburger im ersten nicht unähnlich war.

Das störte den ruhigen Wolfsburger Rhythmus extrem, stattdessen mussten die Angriffe nun viel schneller ausgespielt werden und konnten häufiger abgefangen werden. Hertha hatte dann in Umschaltsituationen einen absichernden Spieler neben Maier, sodass der Youngster noch besser von seinen vorstoßenden Läufen Gebrauch machen konnte und das Berliner Umschaltspiel belebte.

Ebenso wie die formative Umstellung fruchtete auch der Seitentausch von Kalou und Dilrosun. Wir hatten schon in der Analyse vom Sieg gegen Schalke erwähnt, dass sich der niederländische Neuzugang sehr auf seinen linken Fuß verlässt. Wird er dann auf der linken Seite aufgeboten, sucht er folgerichtig vor allem den Weg zur Grundlinie, siehe das 1:0 gegen Schalke. Von rechts ist er dagegen ein diagonal antreibender Dribbler, der vornehmlich aus dem Halbraum agiert. Wie schon in der ersten Hälfte verfolgten William und Roussillon zurückfallende Bewegungen kaum, weshalb Hertha den Neuzugang einige Male im Zwischenlinienraum finden konnte, wenngleich die Anschlussaktionen noch nicht optimal waren.

So stabilisierte sich auch Herthas Spielaufbau insgesamt, da Stark und Torunarigha mehr Optionen hinter den anlaufenden Gegnern hatten und sich nicht mehr so oft für den Rückpass zu Jarstein entscheiden mussten. Wichtig war außerdem, dass Dilrosun Roussillons Seite deutlich aktiver verteidigte, indem er einerseits Brooks häufiger anlief und später die Bewegungen des Franzosen enger verfolgte. So verlagerten sich Wolfsburgs Bemühungen mehr nach rechts und Hertha ging verdienterweise in Führung.

Die Aufstellungen in der Schlussphase.

Labbadia reagierte auf den Rückstand, indem er Ginczek für Steffen einwechselte und auf ein breites 4-1-3-2 umstellte, in dem die Achter die Flügelpositionen im Mittelfeld einnahmen und das insgesamt zum 4-2-2-2 tendierte, da Arnold sich eher zu Camacho fallen ließ, während Gerhardt eine höhere Position im rechten Halbraum einnahm. Tatsächlich wurde das Spiel der Wölfe dadurch belebt, die enorme hohe Präsenz drückte die Berliner immer weiter in die eigene Hälfte, während Ginczek und Gerhardt für Gefahr sorgten.

Niklas Starks Arbeit beim Klären von Flanken kann angesichts der drohenden Gefahr durch Weghorst und Ginczek wohl kaum hoch genug eingeschätzt werden, während Roussillon auf links Lazaro mal wieder vor einige Probleme stellte.

Danach: Wahnsinn.

Fazit: Den Wahnsinn in der Schlussphase können und wollen wir nicht analysieren, sehr wohl jedoch die mal wieder erfolgreichen Umstellungen des Trainerteams. Auch wenn noch bei weitem nicht alles stimmte und einige Details mittelgroße Fragen aufwerfen stimmen die uns die guten Auftritte natürlich auch für die nächsten Begegnungen positiv.

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