HERTHA SPIELT GUTEN FUSSBALL!

Noch ein Spitzenspiel mit Berliner Beteiligung. Die Hauptstädter empfingen die ebenfalls gut gestarteten Gladbacher und zeigten dabei die offensiv beste Leistung, an die ich mich von der alten Dame erinnern kann.
Grundformationen.

Personell musste Pal Dardai auf Jordan Torunarigha verzichten, der durch Fabian Lustenberger ersetzt wurde, während Javairo Dilrosun wieder auf links und Salomon Kalou auf rechts startete. Trotz der wenigen personellen Veränderungen zeigte sich Hertha im Vergleich zu den letzten Wochen nochmal stark verbessert, was vielleicht auch an einer veränderten strategischen Ausgangslage lag: Gladbachs Trainer Dieter Hecking hatte schon im Voraus angekündigt, den Berlinern den Ball überlassen zu wollen.In den bisherigen Spielen hatte Hertha es eigentlich immer gut geschafft, selbst nur wenig aufbauen zu müssen und sich eher auf Konter zu beschränken.

Dieses Mal hatte sich das Berliner Trainerteam aber etwas überlegt: Hertha bildete flexible Aufbaudreierketten, während immer eine gewisse Grundasymmetrie vorhanden war, deren Ursprung auf den Außenverteidigerpositionen lag. So blieb Plattenhardt links deutlich tiefer als sein Pendant Lazaro auf der rechten Seite, der häufig bis an die letzte Linie vorrückte. Eine mögliche Version der Dreierkette war dann ein sehr tiefes Einrücken von Plattenhardt, wenngleich diese Kette etwas nach links verschoben war. Alternativ kippte Maier zwischen die Innenverteidiger ab – auch hier nahm Plattenhardt noch eine tiefere Position ein.

Bemerkenswert war aber vor allem, dass Anschlussbewegungen und Passwahl tatsächlich auf ein ruhiges Aufbauspiel ausgelegt waren! Herthas tiefe Aufbaustruktur hatte deutlich mehr diagonale Passwinkel zu bieten als sonst, was beispielsweise mehr Pässe in den Sechserraum erlaubte, wo Maier sich besser orientierte als die letzten Wochen und dadurch dominanter werden konnte. Duda und Grujic ließen sich zur Ballsicherung immer wieder in diesen Sechserraum fallen und bildeten folglich Überzahlen gegen Gladbachs Pressing, was Kalou durch Postionierungen als hängende Spitze sehr gut balancierte und so auch teils 3-Raute-3 Aufbaustaffelungen herstellte. Außerdem spielte Hertha viel weniger überhastete Longline-Pässe. Stattdessen wurde der Zugang in den Zwischenlinienraum forciert und erst von da aus der Durchbruch am Flügel gesucht.

Beispielhafte Szene für den Berliner Spielaufbau mit tiefem Plattenhardt und hohem Lazaro, die Gladbach fast in ein 5-3-2 drängen.
Dabei nutzte Hertha sehr gut die Eigenheiten des Gladbacher Pressings: Die Fohlen starteten zumeist aus einem hohen 4-1-4-1-Mittelfeldpressing, das durch Mannorientierungen der Flügelspieler gegen Herthas Außenverteidiger im Mittelfeld oft auseinandergezogen wurde. Beim Pressingübergang waren es außerdem oft die Achter, die an Plea den Zugriff auf Stark und Lustenberger suchten, während dieser am tiefsten Berliner Spieler orientiert Pässe in den Sechserraum belauerte. Oftmals verließen so beide Achter den Raum neben Strobl, der natürlich nicht im Alleingang das ganze Mittelfeld kontrollieren konnte.
Nach einer kurzen lockenden Zirkulation war es der Hertha dann immer wieder möglich auch hohe Bälle in den Raum vor Gladbachs Achter zu spielen, die Kalou, Duda und Ibisevic bei solch viel Raum um sich herum sehr gut zu kontrollieren wussten. Grujic behielt in den meisten Situationen eine verbindende Position zwischen den Mannschaftsteilen bei.
Bei einem Abkippen von Maier zog sich Gladbach oft etwas zurück und scheute sich vor dem Anlaufen. Durch die weiterhin tiefe Position von Plattenhardt waren die Hauptstädter durch die schiere Präsenz schon schwer zu pressen. Besonders Maier und Lustenberger suchten aus dieser Konstellation dann wieder die Teamkollegen im Zwischenlinienraum und glänzten durch einige sehr gute Zuspiele. Unabhängig davon, wieviel Platz rund um das Zentrum vorhanden war, verstanden es die Offensiven sehr gut, Dilrosun auf links außen einzubinden. Auch der Niederländer profitierte von Plattenhardts tiefer Position insofern, als dass er mehr Platz für seine direkten Duelle mit Nico Elvedi bekam, während die hohe Berliner Präsenz im Zentrum den Rest von Gladbachs Viererkette band und so ein Doppeln der Fohlen verhinderte. Der Schweizer hatte riesige Probleme damit, Herthas Linksaußen zu kontrollieren und musste letztlich zwei Torvorlagen gegen sich verzeichnen. Dilrosun war zwar wieder vermehrt auf lineare Durchbrüche am Flügel aus, sein großes Repertoire an Tricks in Kombination mit seiner Schnelligkeit machen ihn dennoch unberechenbar.
Plattenhardt legt sich den Ball für seine Flanke zum 1:1-Ausgleich zurecht, Hertha mit sehr guter Ballung im Strafraum.

Für Flanken hatte Hertha in einigen Szenen dann sogar Überzahlen im gegnerischen Strafraum parat. Ibisevic und Kalou wurden dabei von Duda und Grujic unterstützt, beim 2:1 stand Lazaro am Fünfmeterraum komplett frei und sogar Maier deutete manchmal Vorstöße in den Sechzehner an. Gladbachs Achter zogen sich, wie schon angedeutet, nicht allzu weit zurück, was aber ausreichte, um Maier bei Abprallern viel Raum zu geben, den der Youngster mit seinem Tempo sehr gut kontrollieren konnte. Einige Male presste er sogar erfolgreich weit nach vorne durch und konnte Gladbacher Konter insgesamt betrachtet auf ein Mindestmaß drücken.

Für die Absicherung war wieder einmal Plattenhardts tiefe Position wertvoll, da er bei Angriffen eher spät hinzustieß und sich ansonsten auf einer Linie mit den Innenverteidigern befand. Erst diese Dreierkette war es auch, die Maier so weiträumige Staubsaugeraktionen ermöglichte, während sie gleichzeitig im Aufbauspiel den drei hinteren Akteuren wohl ihre Paraderolle garantierte: Zum einen konnte Plattenhardt endlich mal wieder sein gutes diagonales Passspiel als Halbverteidiger vorführen, Stark als quasi rechter Halbverteidiger auch mit Ball vorstoßen und Lustenberger die beiden absichern und gleichzeitig aus einer zentralen Position das Spiel aufbauen.
Auch Lazaro schien sich weiter vorne besser zurechtzufinden, wo er im Vergleich zu seiner sonst ebenfalls tiefen Position doch weitaus weniger spielmachende Impulse setzen musste und sich eher auf Durchbrüche konzentrieren konnte. Darüber hinaus ist er vor allem im Gegenpressing eine Waffe und genau wie Maier umso wertvoller, wenn er gut abgesichert wird.
Gladbach dagegen wusste nach den bisherigen überzeugenden Auftritten aber nicht mehr viel mit dem Ball anzufangen. Die Fohlen bauten aus einer sehr klaren 2-3-2-3-Struktur auf, mit etwas höheren Außenverteidigern also und den Achtern, wenn möglich, im Zwischenlinienraum; Hofmann und Zakaria sollten dann direkt von Ginter oder Jantschke und vermutlich auch Strobl gefunden werden. Herthas erneut mannorientierte Spielweise ließ die Zuspiele aber nicht ohne weiteres zu – Duda heftete sich mal wieder an den gegnerischen Sechser, in diesem Fall an Tobias Strobl. Dieser versuchte durch diametrale Ausweichbewegungen, also Bewegungen gegen die Spielrichtung, Raum für den ballführenden Innenverteidiger zu öffnen, woraus diese aber kein Kapital schlagen konnten. Währenddessen verfolgten Maier und Grujic in ihren Grundräumen Hofmann und Zakaria. Die beiden bewegten sich darum häufig weit nach außen, um durch die Sechser-Flügelspieler-Schnittstelle anspielbar zu sein, was aber ziemlich ausrechenbar und folglich einfach zu verteidigen war.
Alternativ gab es einige direkte Zuspiele auf den zurückfallenden Plea, was aber aus diversen Gründen ebenfalls keine Gefahr brachte. Zum einen drehte der Franzose nicht auf bzw. konnte dabei gestört werden, zum anderen wurde er auch nicht mannorientiert verfolgt, was Lücken zum Nachstoßen in Herthas Defensivverbund hätte reißen können. Hätte. Können. Wenn Hofmann jedoch mal ballfern Läufe in die Spitze startete, verpufften diese wirkungslos und schadeten eher der Struktur der Elf vom Niederrhein.
Das Herauskippen Strobls vor dem Ende der zweiten Halbzeit, durch jenes Duda ihn erst anläuft, wenn er den Ball bereits erhalten hat und zum Berliner Tor blickt.

Gefährlich wurde es, wenn Strobl mal aufdrehen und von seinem überragenden Spielverständnis Gebrauch machen konnte (siehe 0:1) oder aber Gladbach seine massiv hohe Präsenz in Überzahlsituationen einbinden konnte, beispielsweise nach gewonnenen Duellen um den zweiten Ball, bei denen Achter und Flügelspieler weiter vorne verharrten. Solche Szenen waren aber ziemlich selten.

Erwähnt sei hierbei, dass Gladbachs Aufbauspiel dem von Andre Schuberts Team, welches Hertha im Herbst 2015 noch 1:4 wegputzte, gar nicht so unähnlich, ließ aber noch besser abgestimmte Rochaden vermissen. Diese gab es am Samstag eigentlich nur zwischen Außenverteidiger, -stürmer und Achter zu sehen, was Hertha gut kontrollierte. Bei Ballverlusten nach eben jenen Rochaden war Gladbach außerdem nochmal anfälliger, als ohnehin schon, da die Spieler entgegen dem normalen Verhalten bei Ballverlust oft nicht einfach die nächste Position einnahmen, sondern zu ihrer eigentlichen zurückkehren wollten, was in kausal längere Wege und mehr Zeit für Berliner Konter bedeutete.
Nach der Berliner Führung kippte Strobl dann häufiger rechts hinter Elvedi heraus, wodurch er sich der Deckung von Duda entzog und über Umwege noch mehr Präsenz im Zwischenlinienraum erzeugte. Durch sein Herauskippen konnte nämlich Elvedi auf- und der jeweilige Rechtsaußen einrücken, um sich so durch diagonale Pässe von Strobl finden lassen zu können. In dieser Phase schien Gladbach tatsächlich ein gutes Mittel gegen Herthas Defensive gefunden zu haben, aber schon die Auswechslungen in der Halbzeit verhinderten Schlimmeres, da Hecking Strobl in die Innenverteidigung beorderte.
Zwar hatte Gladbach durch die nun tiefere Berliner Mannschaft mehr Raum und Zeit zum Aufbauen und konnte durch eine tiefere Position von Wendt ähnliche Staffelungen erzeugen, hatte aber große Probleme beim Erzeugen von Durchbrüchen, da Hertha das eigene Drittel deutlich besser als die Gäste verteidigte. Dennoch wurde der Druck auf Hertha immer größer, auch weil der Aktionsradius von Gladbachs neuem Sechser Zakaria nicht immer ausreichend eingeengt wurde.
Durch die Einwechslung von Cuisance stellte Hecking auf Raute um, mit Hermann als Rechtsverteidiger, Neuhaus auf der Zehn als Ziel-Nadelspieler und wirklich massiver zentraler Präsenz. Hertha konnte die Führung durch ein paar famose Konter aber halten, ausbauen und letztlich verdient gewinnen.
Fazit: Ein paar kleine Veränderungen und schon läuft´s richtig gut. Hertha zeigte eine klasse Vorstellung und war endlich mal in der Lage, das schon so lange vorhandene große Potenzial auf den Platz zu bringen. Das macht mal Bock auf die englische Woche!

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