Spielerproträt: Muhammed Kiprit

Mohammed Kiprit hat sich mit der Unterschrift unter seinem Profivertrag Zeit gelassen. Dass diese trotzdem unheimlich wichtig war, konnte man auch in der letzten Saison schon erahnen. Der Toptorjäger ist ein sehr kompletter und beweglicher Stürmer. Außerdem verfügt er noch über Fähigkeiten im Dribbling und interpretiert seine Rolle leicht spielmachend, was ihn umso wertvoller macht. Einige seiner Anlagen klingen schon eher nach denen eines Mittelfeldspielers, wobei Kiprit auch in den klassischen Stürmerkategorien keineswegs abfällt.

In Herthas System der letzten Saison gab Kiprit entweder eine Solospitze oder spielte leicht hängend hinter Dennis Jastrzembski. Welche Rolle ihm tendenziell besser steht, lässt sich schwer sagen, allerdings sollte es immer einiges an Bewegung um ihn herum und in die Spitze geben, damit er seine Fähigkeiten in Rochaden ausspielen kann.

Doch zunächst zu seinen Stürmerfähigkeiten: Kiprit ist sehr gut im Halten von Bällen, während er auf Mitspieler wartet. Dabei geht es ihm in erster Linie um die Sicherung des Balles und weniger um direkte Ablagen. Interessanterweise verlässt sich der Jungnationalspieler weniger auf seine Kraft und schirmt den Ball nicht konstant ab, sondern setzt eher auf Dribblings von seinen Gegnern weg. So dribbelt er vor allem umliegende Freiräume an und versucht sich so dem Druck seiner Gegenspieler zu entziehen. Im Idealfall bekommt er dann in seitlichen Freiräumen etwas Platz und kann aufdrehen, um auf die gegnerische Viererkette zuzulaufen. Manchmal verschleppt er aber auch das Tempo, indem er auf der Suche nach Raum einfach auf die eigene Abwehr zu dribbelt, bis er sich vor dem gegnerischen Mittelfeld befindet.

Schon praktisch, wenn man vier Spieler porträtiert, die fast jeden Spielzug unter sich ausmachen und so erlauben, dass ich immer wieder die gleichen Grafiken benutzen kann. Hier hat Kiprit nach eigenem Ballgewinn das Auge für den einrückenden Dardai und leitet so einen vielversprechenden Konter ein.

Umso stärker ist Kiprit aber, wenn der Gegner ihn doch mal aufdrehen lässt und er dann auf die gegnerische Viererkette zulaufen kann. Um häufiger in diese Art von Situationen zu kommen, verlässt er das Angriffszentrum auch gerne mal ohne den Ball und weicht auf die Seite aus, wo er dann auch über eine gewisse Zeit verbleibt und nicht sofort von dort hinter die Abwehr startet. Dafür kam ihm oft das Einrücken von Palko Dardai zu Gute, der ihm die rechte Seite öffnete. Nach links weicht er aber ebenso gerne aus, vorausgesetzt dort ist Platz zu finden. Mit seinem starken rechten Fuß kann er von hier auch einen gefährlicheren Zug zum Tor erzeugen. In Einsätzen als hängende Spitze bot ihm seine Position natürlich auch nochmal mehr Freiheiten, um sich beispielsweise Bälle aus dem eigenen Mittelfeld abzuholen.

So erhält er immer wieder den Ball in tiefen Zonen und kann ihn dann nach vorne tragen. Hier zeigt sich Kiprits ganze Klasse: Kann er direkt auf die Abwehrkette zudribbeln, hat er ein unglaublich gutes Gespür dafür, wie er Läufe von Teamkollegen mit vergleichsweise simplen Pässen einsetzen kann. Vorher hält er sich die gegnerische Abwehrkette sehr gut vom Hals, indem er einen gewissen Abstand wahrt und nicht voreilig direkte Duelle eingeht. Gleichzeitig zieht Kiprit den Fokus der Verteidiger logischerweise immer mehr auf sich, je länger er den Ball führt. So schafft er seinen Mitspielern durch einen wenig direkten Dribbelstil nochmals mehr Raum und Zeit für Antritte.

Die Nummer drei in der ewigen A-Junioren-Bundesliga-Torschützenliste ist aber weit mehr als ein Ballschlepper. Auch er startet immer wieder Sprints hinter die Abwehr und kann sich mit einer sehr gefährlichen Mischung aus Schnelligkeit, Robustheit und technischem Geschick einige Chancen erarbeiten. Wenn es die Situation fordert, geht er natürlich auch in direkte Eins gegen Eins-Duelle. Sollte beispielsweise bei einem seiner oben beschriebenen Dribblings kein Erfolg im Sinne einer guten Anspielstation in Aussicht stehen, kann er noch weiter den Ball behaupten und gegen nicht allzu massive Defensivblöcke bestimmt auch den ein oder anderen Durchbruch forcieren – auch wenn das keine Spezialität mehr darstellt. Was aber gerade in unübersichtlichen Szenen exorbitant hervorsticht: Kiprit kann offensichtlich sehr gut einschätzen, wie sich die Situation, die er durch eine Aktion geschaffen hat, in den nächsten Augenblicken entwickelt. Andererseits wäre er erst gar nicht dazu in der Lage, gegnerische Abwehrreihen mit so schlichten Pässen zu überspielen. Bestes Beispiel dafür ist wohl seine Vorlage für das Dribbling von Julius Kade, welches die rote Karte vom BVB im Halbfinalhinspiel provozierte: 

Kiprit kann in den von von Jastrzembski geöffneten Raum stoßen (blass), Kade war schon lange vorher gestartet und erhält den perfekt getimten, eigentlich sehr simplen Querpass, kann in den Strafraum eindringen und wird gefoult. Rote Karte.

Insgesamt stellt Kiprit mit seiner Spielweise den perfekten Partner für Julius Kade dar, dessen teilweise extrem weiträumigen vertikalen Läufe sich hervorragend mit Kiprits Fähigkeiten ergänzen. Nach diesem Muster holten die beiden im Halbfinalhinspiel gegen den BVB die rote Karte heraus. Eine Szene aus der Schlussphase des Rückspiels fasst viele genannte Aspekte perfekt zusammen: Nach einem Ballverlust legt Kiprit in der 76. Spielminute einen extrem kraftraubenden Sprint hin. Er gerät dabei kurz aus dem Blickfeld der Kamera, bekommt von Keeper Dennis Smarsch danach aber den Ball quasi am eigenen Strafraum zugerollt und trägt das Leder auf die Dortmunder Abwehrkette zu. Gemeinsam mit ihm war Kade nicht nur den weiten Weg zurückgeeilt, sondern setzt jetzt zu einem Sprint aus der eigenen Hälfte durch die Abwehrkette an. Kiprit hat das offensichtlich wahrgenommen, drosselt das Tempo etwas und hebelt anschließend mit einem ganz unspektakulären, aber sehr schwierigen Pass durch die Kette in den Lauf von Kade die ganze Abwehr aus. (Link, 75:30)

Während sich die anderen Jungs mit ihrem Spiel gegen den Ball nochmal besonders auszeichnen können, ist der 19-jährige hier etwas unspektakulärer, nichtsdestotrotz aber nicht weniger arbeitsam: In einigen Szenen verfolgt er Gegenspieler bis weit in die eigene Hälfte oder deutet weiträumiges Rückwärtspressing an. Im Idealfall kann er bei Ballgewinnen mithelfen und direkt seine ballschleppenden Fähigkeiten zeigen.

Ausblick: Nach allem, was man aus dem Trainingslager hört, scheint sich Kiprit sehr gut in die Mannschaft zu integrieren. Natürlich profitiert er dabei auch von der Ausleihe Pronichevs, sowie der Verletzung Davie Selkes. In jedem Fall aber gibt Kiprits Fähigkeitenprofil dem Berliner Sturm eine neue Dimension. Als zweite Spitze ist er auch mindestens der zweitbeste Kandidat, wobei ich Pronichev noch nicht einschätzen kann. Im Vergleich zu den eher auf Läufe bzw. Kopfbälle und Abschlüsse fokussierten Köpke und Selke verfügt er über ein weiterreichendes Fähigkeitenspektrum und so langfristig das größere Potenzial. Wichtig wird für Kiprit vor allem, dass er auch im Profibereich die Räume findet, die ihm seine guten Dribblings ermöglichen. Außerdem schaut er sich am besten beim Kollegen Ibisevic ab, wie er das Halten des Balles noch schneller mit Anschlussaktionen veredeln kann. Wenn er das macht, wird er sehr gut.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

* Die Checkbox für die Zustimmung zur Speicherung ist nach DSGVO zwingend.

Ich stimme zu.