Selber Plan, anderes Ergebnis

Ein paar Tage nach dem furiosen 4:2-Sieg gegen Gladbach verschlug es die alte Dame an die Weser, wo gegen eine komplett anders eingestellte gegnerische Mannschaft und mit verändertem Personal derselbe Plan durchgezogen werden sollte, der Samstag noch zum Sieg geführt hatte. Spoileralarm: Ging nicht ganz auf.

Grundformationen.

Hertha setzte entgegen einiger Vermutungen nicht auf eine Fünferkette, sondern versuchte mit Rekik in der Innenverteidigung, Lustenberger auf der Sechs und Maier als Verbindungsspieler im zentralen Mittelfeld wieder aus einer 4-1-4-1-haften Formation heraus das Spiel zu machen, während defensiv das bekannte 4-4-2 aufgeboten wurde. Es gab auch von Beginn an die asymmetrischen Aufbaudreierketten mit Plattenhardt als sehr breitem linken Halbverteidiger zu sehen, aus denen heraus Hertha das Spiel zu eröffnen versuchte.

Werder lief die Berliner in diesen Situationen aus einem engen 4-1-2-1-2 an, aus dem sich Osako an Lustenberger heftete, was den Schweizer weitestgehend aus dem Spiel nahm, während das Spiel auf die Außenbahnen gelenkt wurde. Bis hierhin kamen die Norddeutschen Hertha sogar mehr oder weniger entgegen, war doch genau dieser Aufbau über den linken Außenverteidiger ein großer Teil des Plans. Doch das Zustellen der Innenverteidiger zwang Plattenhardt aber, sich schnell nach vorne orientieren, was die typische, lange Berliner Zirkulation in der ersten Linie, die es auch am Wochenende noch gegeben hatte, mächtig unter Druck setzte.

Auch Plattenhardt wurde dann schnell angelaufen, zumeist von Maximilian Eggestein, der bei seinem Anlaufen besonders das Spiel in die Tiefe zustellte und eher zu Pässen in die Mitte einlud. Dort war Lustenberger zwar gedeckt, Eggesteins Aufrücken ließ aber oft Arne Maier frei. Der Youngster hatte aber wieder mal Probleme damit, sich richtig im Raum zu orientieren und freien Raum in seinem Rücken zu nutzen. Folglich bewegte er sich zuerst zu nah in Richtung Plattenhardt, was dem Nationalspieler Optionen wie ein Dribbling in die Mitte nahm und ihn dadurch zusätzlich unter Druck setzte. Außerdem drehte Maier kaum auf und dribbelte in den Raum vor ihm, wenn er den Ball mal ohne Gegnerdruck erhielt, obwohl das perfekt für ihn gewesen wäre. Stattdessen verlegte er sich zu früh auf ein Spiel die Linie entlang. Das ballferne Zurückfallen von Klaassen befreite außerdem Sahin für die Unterstützung von Eggestein im Pressing, ohne allzu große Lücken zu hinterlassen, sodass sich Hertha ein ums andere Mal am Flügel festfuhr.

Über das Spiel links an der Linie entlang hinaus hatten die Berliner außerdem kaum Optionen für eine konstruktive Spieleröffnung. Lazaro schob wie gegen Gladbach schon früh hoch, was den Innenverteidigern nur Plattenhardt als sichere Passoption übrig ließ, da die Mittelfeldakteure wahlweise in Mannorientierungen oder Deckungsschatten verschwanden. Außerdem lief Werder deutlich früher an als Gladbach, weshalb Herthas positionelle Rochade noch nicht komplett abgeschlossen war, da Lazaro zwar schon höher als Plattenhardt auf links positioniert war, Dardai aber noch nicht komplett für ein Einrücken befreien konnte.

Oftmals verlor Hertha deswegen auf links den Ball, was einer der Gründe für den frühen Bremer Rechtsfokus war. Alternativ griff ein Spieler aus der Viererkette zum langen Ball, der gegen die Brmer Überzahl im zentralen Mittelfeld jedoch meist zum Boomerang ausartete. Die Bremer hatten wiederum die deutlich stabilere Spielanlage, obwohl sie die natürliche defensive Anfälligkeit einer Raute auf außen kompensieren mussten.

Außerdem konnten sie durch sehr gut getimte und einfach sehr viele Tiefenläufe in Umschaltsituationen gefährlich werden. Das konnte schon nach einem gewonnenen zweiten Ball der Fall sein, wenn Osako, Kruse und die beiden Achter sich ihren Gegenspielern entzogen und auf die Berliner Abwehrkette zulaufen konnte, die zusätzlich mit Tiefenläufen von Harnik beschäftigt war, der sich gerne rechts nach außen absetzte.

Außerdem verfügt die Elf von Florian Kohfeldt  mittlerweile über ein tolles Aufbauspiel, dass aus einer aus einer ruhigen ersten Linie Schnellangriffe zu initiieren versucht. Die beiden Innenverteidiger Veljkovic und vor allem Moisander verfügen bereits über hohe Fähigkeiten im Spielaufbau und wurden außerdem von Sahin unterstützt, der sich durch Ab-  oder Herauskippbewegungen der Deckung durch Duda entzog. Insgesamt baut Werder aus einer 2-1-4-1-2-artigen Struktur heraus auf, solange Sahin seine Position hält, und ist damit perfekt auf ein durchschnittliches 4-4-2 eingestellt, wie es Hertha es in diesem Spiel bot. Vor Sahin ziehen die Außenverteidiger die gegnerische Mittelfeldkette auseinander, während sich die Achter in der Sechser-Flügelspieler Schnittstelle positionieren und Osako sich hinter den beiden Sechsern anbietet. Das verhindert schon dadurch Mannorientierungen im Mittelfeld, dass vier Spieler gegen ein 4-1 zu wenig sind.

Beispielhafte Szene für Werders Aufbaustruktur, hier mit abgekipptem Sahin zwischen den Innenverteidigern.

Tatsächlich verschob Hertha deswegen auch mehr als Block als in den letzten Spielen und hatte dennoch alle Hände voll zu tun. Immer wieder fiel nämlich noch Kruse zurück, der in den ersten Minuten besonders von Veljkovic gerne gesucht wurde. Kruse wurde dabei auch sehr weiträumig verfolgt, um nicht noch mehr in Unterlegenheit zu geraten, was immerhin Dribblings des ehemaligen Nationalspielers verhinderte.

Letztlich erfolgte dann auch bei Werder oft der erste Pass nach außen, meistens auf Gebre Selassie. Der wurde von guten Bewegungen von Harnik und Eggestein unterstützt, die oft für eine doppelte Besetzung des Flügelkorridors sorgten und Hertha so das Zustellen erschwerten. Interessant war besonders, dass Werder in diesen Situationen quasi die Breite aufgab. Sowohl Klaassen als auch Kruse zog es oft noch nach rechts oder zumindest in die Mitte, während Augustinsson nach der Spielauslösung früh weit in den Halbraum schob, um für eine kompaktere Absicherung zu sorgen. Auf diese Weise konnte sich Werder einige Male von rechts wieder in die Mitte lösen oder hinter die Abwehr durchbrechen und für Gefahr sorgen.

Erfolgte der erste Pass aus der Innenverteidigung nach links, war das Bremer Spiel anders ausgerichtet: Weder Klaassen, noch Kruse zog es hinter die Abwehr geschweige denn weit nach außen. Deswegen suchte Augustinsson schnelle Zuspiele in den Halbraum, meistens mit Kruse als Empfänger. Von dort versuchte sich Werder über das ohnehin starke Ablagenspiel vors Tor zu kombinieren oder verlagerte wieder nach rechts.

Wichtig für die Bremer war außerdem die enorme ballnahe Präsenz bei Ballverlusten. Wie erwähnt hatte Werder im Zentrum eine Überzahl, war auch bei Angriffen über rechts sehr präsent und hielt sich nicht viel auf links auf, sodass bei den allermeisten Ballverlusten sofort viele Grün-Weiße bereit waren, das Spielgerät zurückzugewinnen oder zumindest den Konter zu verhindern. Auch wenn die Bremer zu langen Bällen griffen tendierte die Kontergefahr gen null, gleichzeitig war es nicht unwahrscheinlich, dass der Ball sofort zurückgewonnen werden konnte. Hier schien es noch eine Rolle zu spielen, dass sich gerade die Berliner Flügel noch etwas zu sehr an den gegnerischen Außenverteidigern orientierten. Eigentlich hätten Dardai und Dilrosun viel mehr die eigene Doppelsechs unterstützen müssen, ließen sich aber oft zu weit nach außen ziehen. Das war auch im Pressingverhalten ein Problem. Wenn Hertha mal wirklich Zugriff suchte, liefen die beiden Außenspieler zu schnell aus dem Zentrum weg, weswegen Werder leicht einen der zentralen Akteure finden konnte.

Nach etwas mehr als einer halben Stunde und einem besonders schillernden Beispiel der Unterzahl beim Pressing stellte Dardai auf eine Raute um. Dafür beorderte er Dilrosun neben Ibisevic in den Sturm, Palko auf die Zehn und Maier sowie Duda auf die Achterpositionen vor Lustenberger. Die Idee dahinter war klar: Das Trainerteam wollte wieder klarere Zuordnungen im Mittelfeld.

Schon in den ersten Szenen nach der Umstellung hatte Hertha mehr Zugriff auf zweite Bälle und konnte das Bremer Spiel etwas hektischer machen. Gleichzeitig wurde aber auch offensichtlich, dass die Umstellung ziemlich improvisiert und kaum eingeübt war. So wurde das Anlaufen der Bremer Außenverteidiger nicht wie bei Werder von den Achtern, sondern den Außenverteidigern übernommen. Das hatte zur Folge, dass Plattenhardt und Lazaro extrem weiträumige Anlaufbewegungen hinlegten, während Stark und Rekik quasi alleine gegen Kruse und Harnik verteidigen mussten. Besonders ersterer musste einige Male bei hoher Position der Kette bis zur Außenlinie verteidigen, machte aber einen sehr guten Job.

Das fehlende Verständnis für die neue Ausrichtung zeigte sich auch daran, dass Lazaro gerne früh nach vorne schob, um anzudeuten, dass er Augustinsson bei einem Zuspiel schnell unter Druck setzen kann. Was der normalen Ordnung vielleicht angebracht ist, schwächte aber unnötigerweise die Abwehr fokussierte Starks Herausrücken. Wirklich gefährlich wurde es dann, wenn der Ball vor der Berliner Kette war und noch ein Bremer Achter vorstieß, was Duda und Maier nicht immer bis nach ganz hinten verfolgten, wodurch im Ansatz Unterzahlsituationen entstehen konnten. Aus einer ähnlichen Aktion entstand beispielsweise der Eckball zum 2:0.

Bremens Pressing gegen Hertha mit tiefem Plattenhardt.

Immerhin stabilisierte die Raute das Ballbesitzspiel der Hertha ein wenig. Da die Bremer natürlich die verstärkte zentrale Präsenz der Hertha registrierten, zog sich das Mittelfeld weiter zusammen, während Plattenhardt und Lazaro mehr Zeit am Ball erhielten. Nun hatte auch der Österreicher einige Szenen in den tiefen Außenverteidigerräumen, wenngleich der Großteil der Berliner Angriffe weiterhin über die linke Seite verlief.

Hier konnte man auch erkennen, was die Bremer so stark macht: Kohfeldts Team versteht es sehr gut, von außen in die zentralen Räume einzudringen und einen Spieler zu finden, der mit Gesicht zum gegnerischen Tor auf die Abwehr zulaufen kann. Hertha wiederum hatte große Probleme mit dem Eindringen in den Block der Gastgeber. Nun war es zwar so, dass die Bremer Außenverteidiger weiter nur leicht rausrückten, während ein Achter den ballführenden Spieler am Flügel anlief, sodass Hertha manchmal im Rücken des Achters in die Mitte gelangen konnte. Oftmals gab es hier aber dasselbe Problem wie bei Maier in der Anfangsphase: die Berliner verpassten die Momente, in denen sie hätten aufdrehen können. Die zentralen Spieler bewegten sich allesamt nach außen mit Körper zur Außenlinie gerichtet und legten ihren ersten Kontakt zu selten in die Mitte.

Hier fehlte ein strategisch starker Aufbauspieler *hust* Skjelbred *hust* oder jemand wie Grujic, der trotz gewisser Defizite durch seine schiere Pressingresistenz die gegnerischen Bemühungen etwas aushebeln.

Gefährlicher wurde es in Kontern, für die sich Dilrosun schon bei gegnerischem Ballbesitz etwas fallen ließ, damit er im Idealfall an Sahin vorbei auf die Abwehr zu dribbeln konnte. Seine Entscheidungsfindung war jedoch alles andere als optimal und verhinderte Gefährlicheres als Schüsse aus 30 Metern. Auch hier sei gesagt, dass Bremen solch ungefährliche Abschlüsse mied und nach besseren Chancen suchte, obwohl in der ersten halben Stunde einige Schüsse aus der zweiten Reihe möglich gewesen wären.

In der zweiten Halbzeit gab es für Hertha dann mehr Räume, gefährlich wurde es aber fast nur in Umschaltsituationen. Für geordnete Angriffe hatten die Berliner immer noch zu viele von den erwähnten Problemen und ließen ordentliche Abläufe vermissen.

Etwas belebt wurde das Spiel durch die Versetzung von Dilrosun auf die Acht, nachdem Selke ins Spiel gekommen war. Der Niederländer konnte in der Folge sehr weiträumig den Aufbau der eigenen Mannschaft ankurbeln, was übrigens auch für Palko Dardai die passendere Rolle gewesen wäre. Ansonsten machte letzterer eine sehr gute Partie in Szenen unter Druck, wenn einige Mitspieler in der Nähe waren, hatte jedoch bei isolierteren Dribblings mehr Probleme.

Am Ende überließ Kohfeldt der Hertha das Spiel um den Bremer Block herum, da er mit der Einwechslung von Bargfrede auf ein 5-3-2 umstellte und so Mittelfeld- gegen Abwehrpräsenz eintauschte. Weiter zurückfallende Berliner Achter hätten aber auch vorher schon ein adäquates Mittel sein können, um zumindest den Bremer Block zu lockern.

Fazit: Natürlich musste Hertha etwas rotieren und auf Grujic verzichten, trotzdem genau den gleichen Plan wie am Wochenende zu verfolgen, deckt sich nicht mit den bisher guten Eindrücken vom Trainerteam. Eine bessere Umstellung ließ zwar nicht unendlich lang auf sich warten, das Spiel war damit aber auch nicht mehr zu gewinnen.

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